Robert Beltran's  Rede  vor der
"
Public Corporation for the Arts- Long Beach" 
anläßlich des "State of the Arts Luncheon"

bezogen auf den
 


Zustand des Kunstunterrichts für Kinder in Amerika

 06.Mai 1999

Ich möchte mich bei allen für diese Einladung bedanken- und  ganz besonders bei meinen Freunden Nora Manzanilla und Liz Miramontes- Nora  arbeitet für eine besondere Organisation, die "L.A.Link" heißt, ein Netzwerk vieler gemeindeorientierter Projekte, die die Gesundheitserziehung (Hygiene), Tabak-und Alkoholkontrolle durch Medienkampagnen und Jugendführung unterstützen- sie wirken bei so vielen  lohnenden   Gemeindeprojekten mit, daß  eine  korrekte Beschreibung ihrer Tätigkeiten schwerfällt.


Liz Miramontes ist die Vize-Präsidentin des "Long Beach Leadership Council", das sich zur Aufgabe gemacht hat, kommunale Bemühungen zu vereinigen, die Kultur und die Sprache der Latinos zu bewahren und die politische, pädagogische und ökonomische Stellung der Latinos innerhalb der Gemeinde Long Beach mitsamt ihren Außenbezirken zu fördern.

Ihnen Nora und Liz vorzustellen, lag mir sehr am Herzen, weil ihre Arbeit von unschätzbarem Wert ist und weil ich durch sie die große Ehre hatte, die Stadt Long Beach kennenzulernen und vor allem auch das „Museum of Latin American Art- MOLAA“ , das nun einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnimmt. Ich bekam eine  Führung durch das Museum und seine Einrichtungen , und ich hörte von den  Vorstellungen das Museum zu erweitern, mit dem Ziel, es zu einem Ort zu machen, den Familien besuchen  können, um sich kulturell zu bereichern und wo sie an kreativen Betätigungen teilnehmen  können.

Das ist etwas, das ich absolut unterstütze und an dem ich teilhaben möchte. Rob Hanskins bat mich über Lehrer an staatlichen Schulen zu sprechen , die mich beeinflußt haben und meine Liebe zur Kunst unterstützten, was zu meiner Liebe zum Theater und zur Schauspielerei, Regie, Bühnenbild und Beleuchtung, Tontechnik usw. führte. Er bat mich außerdem  auch etwas über die Notwendigkeit, Kunstunterricht für Kinder anzubieten, zu sagen.

Ich glaube, daß Kunstunterricht genauso wichtig ist  wie Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie, Geschichte oder jedes andere Fach, das an Schulen unterrichtet wird. Und ich glaube, daß einzelne Lehrer eine lebenslange Wirkung auf Kinder und insbesondere auch auf ihr Verständnis für Kunst haben.


Von der Elementary School in Bakersfield bis hin zur Fresno State  kann ich zahlreiche Lehrer nennen, die einen ernsthaften Einfluß auf meine künstlerische Entwicklung hatten. Ich bin mir sicher, wir alle können das.

Die Belohnung des Lehrers ist  eben genau die Tatsache  dieser lebenslangen Wirkung auf das Leben der Schüler. Ich kann mich gar nicht genug bedanken bei Mrs.Hoppe und Mr.Collins von der Mt.Vernon Grundschule- Mrs.Hofstettler von der Sierra Jr.High- Roger Winter und Ward Fulcher von der East Bakersfield High- Dr.Bob Chapman und Henry Horwiege vom Bakersfield Junior College- Jan Bryon, Philip Walker, Paul McGuire von der C.S.U.Fresno.

Ihre Belohnung als Lehrer und Mentoren ist, daß ihr liebevolles und gütiges Wesen zum aktiven Bestandteil meines Wesens geworden ist. Ihre große Wirkung auf mein Leben als Künstler beeinflußte meine Entwicklung als Mensch und daher möchte ich ein paar Worte über die Wichtigkeit von Kunsterziehung im Leben von Kindern sagen, die direkt mit der Erhaltung ihrer kulturellen Identität verbunden ist. Diese beiden Dinge sind untrennbar miteinander verflochten und ich habe vor allem deshalb das Bedürfnis, etwas über sie zu sagen,  weil  diese Stadt  eine große verschiedenartige Latino- Bevölkerung hat und  auch weil mich die Cinco de Mayo Feier im MOLAA letzte Nacht so stark inspiriert hat. Leider gibt es  in diesem Land eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die sich von jeder Kultur bedroht fühlen, die darauf besteht, ihre kulturelle Identität zu erhalten.

Sie halten es für un-amerikanisch und vergessen dabei, daß  die Struktur und die Konstruktion unseres Landes ein Mosaik  aus vielen Kulturen ist. Sie meinen, es sei ihre Sache darüber zu entscheiden, welche Kulturen so beschaffen sind, daß man sie akzeptieren kann – und so werden die früher so verspotteten und verfolgten Iren mit der Zeit akzeptiert, die verspotteten Italiener werden akzeptiert, die Skandinavier werden akzeptiert, die Deutschen, die Franzosen, usw.- aber wehe der Kultur, die keine Akzeptanz findet und doch in jedem Stück genauso amerikanisch ist wie die akzeptierten Kulturen.  Diese Kulturen, die nicht akzeptiert sind, werden verfolgt und verspottet und dazu gebracht, sich minderwertig und irgendwie „weniger“ amerikanisch zu fühlen.

Jener Teil der Gesellschaft, der sich an diesem Spott und dieser Verfolgung beteiligt, beweist nur, wie un-amerikanisch er selbst in Wirklichkeit ist.

Warum kommen Einwanderer schließlich in dieses Land ( und begeben sich oftmals in extreme Gefahr und Elend), wenn nicht wegen der Hoffnung ihr Leben zu verbessern und in all die Vorteile, die dieses Land bietet, eintauchen zu können. In ihrem Streben nach der amerikanischen Idealvorstellung hüten sie dieses Ideal und sterben oftmals bei dem Versuch, es zu erreichen.

Einwanderer kommen  wegen den Möglichkeiten, wegen unserer Verfassung, unserer Unabhängigkeitserklärung und unserer Bill of Rights in dieses Land . Die Leute , die sie verfolgen, erklären öffentlich, daß das amerikanische  Ideal einzig und allein einem exklusiven Club vorbehalten sei- einer Clique von Leuten mit einer geschlossenen Mitgliedschaft, die jedoch die ganze Zeit freudig die Steuergelder der Ausgeschlossenen in Empfang nehmen, um ihre Exklusivität zu bewahren. Diese Leute denken es sei notwendig, beleidigende Gesetze zu verabschieden; Gesetze, die der Selbstachtung von Kindern Schaden zuführen, so wie das Gesetz, welches englisch zur „offiziellen“ Sprache  erklärt.

Und wenn seit kurzem Bürger einen Übersetzer brauchen, um dieses oder irgendein anderes Gesetz erklärt zu bekommen, damit sie es verstehen können, sagen sie mit einer scheinheiligen und heuchlerischen Logik, nein, das geht nicht,  „Bilinguismus (Zweisprachigkeit)“ ist nicht erlaubt. Es scheint, als ob es  bei der Verabschiedung dieser Gesetze nur darum ging, einen unfairen Vorteil beizubehalten- wie etwa das Abschaffen von „Affirmative Action“,  das eigens dafür geschaffen wurde, um dem Benachteiligten genau die gleichen Chancen wie dem Bevorteilten einzuräumen. Aber sie schafften es ab- gerade so, als ob das ungleiche Spielfeld gleich gemacht und alles in Ordnung gebracht wurde. Wir wissen, daß das nicht wahr ist- sie wissen, es ist nicht wahr und doch beharren sie auf solch einer  himmelschreienden Ungerechtigkeit. Scheinheiligkeit und Heuchelei beherrschen den Tag, und das fügt der Selbstachtung unserer verfolgten Kinder Schaden zu.

Der Vorstoß, illegale Einwanderer davon abzuhalten, in dieses Land zu kommen, hört sich auf dem Papier gut an, nicht wahr? Niemand sollte illegal hier sein- aber doch suchen sich Arbeitgeber und Geschäftsleute gerade diese illegalen Einwanderer aus und bieten ihnen Arbeit (zu Sklavenlöhnen) an.- sie werden damit gelockt, die Lebensqualität ihrer Familien verbessern zu können, aber sobald man sie erwischt, werden sie zusammengetrieben, kurzerhand an der Grenze abgeladen und müssen sich dann alleine durchschlagen- vielen Dank, daß Sie für uns für einen Hungerlohn gearbeitet haben und einen Großteil Ihres Lohnes in diesem Land ausgegeben haben (nicht etwa zu ihrem Wohl, sondern zum Wohl der Wirtschaft). Wir verfolgen die Mittellosen und Bedürftigen und geben den wahren Übeltätern nur einen leichten Klaps-  nämlich den Arbeitgebern, die sie illegal heraussuchen und mit Arbeit locken, um sie dann mit Sklavenlöhnen und miserablen Arbeitsbedingungen zu mißbrauchen. Die Heuchelei ist zu himmelschreiend, um nicht zu tiefer Empörung darüber aufzurufen.

Ist es ein Wunder, daß wir eine Menge zorniger, frustrierter, desillusionierter Jugendlicher haben, denen ihr natürlicher jugendlicher Optimismus so gleichgültig und gnadenlos weggenommen wurde? Die Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg  war  menschlicher als der langsame, schmerzvolle, spirituelle Tod dieser Millionen Kinder.

Es scheint, wir unternehmen alles was wir können, um ihnen die Selbstachtung zu verweigern- schlechte Schulen, Mangel an Schulbüchern, schlecht bezahlte Lehrer, Streichung von Kunstunterricht und keinen Respekt vor ihrer einheimischen Kultur oder ihrer einheimischen Sprache. Unsere Politiker haben sie im Stich gelassen- unsere sogenannten Vorbilder haben sie im Stich gelassen- die Lotterie hat sie im Stich gelassen- wir alle haben sie im Stich gelassen. Es gibt buchstäblich Millionen von verletzten, verwundeten Kindern, die geheilt werden müssen. Wie sollen wir das bewerkstelligen, wenn sie jeden Tag der Heuchelei und den ungleichen Spielfeldern in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft ausgesetzt sind?  Sogar die Kraft des Gebetes wurde ihnen in den Schulen verwehrt.

Vielleicht liegt jetzt die einzige Hoffnung im Beispiel des wahren Künstlers und des künstlerischen Ausdrucks. Und mit dem wahren Künstler meine ich diejenige Person, die mit einem höheren Bewußtsein, den höchsten moralischen Werten danach strebt, die Visionen des „Menschseins“ [menschliche Erfahrung] auf eine aufrichtige, verantwortliche Weise zu übermitteln. Der Künstler ist ein Mensch, dessen Leben nicht ausgefüllt ist, wenn er nicht die Möglichkeit hat, sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Der Maler, der Komponist, der Bildhauer, der Schauspieler, der Sänger, der Tänzer, der Architekt usw.- ist ein unterdrückter Mensch, wenn er sich nicht zum Ausdruck bringen darf. Ein unterdrückter Mensch ist eine frustrierte, zornige, gestörte Person und  nur einen schmalen Grat davon entfernt, diese unterdrückte Kreativität in Zerstörung zu verwandeln. Es liegt in unserer Natur, entweder zu zerstören oder schöpferisch tätig zu sein. Die zwei Jungen, die dieses Blutbad in Colorado angerichtet haben, bastelten Rohrbomben anstatt ein Wandgemälde zu malen. Sie kauften Schußwaffen und Munition anstelle von Büchern oder Pinseln. Sie spien Haß, statt Gedichte zu rezitieren. So viele Menschen mußten dafür bezahlen, daß diese Jugendlichen, die sich offensichtlich ausgestoßen und zurückgewiesen fühlten, niemals eingeladen wurden, im Schulchor mitzusingen oder bei den Proben des Schultheaterstückes mitzuwirken oder an Projekten teilzunehmen, die ihren Verstand auf eine kreativere Weise beschäftigt hätten.

Künstlerischer Ausdruck ist die natürliche Zuflucht und Heiligtum des Ausgestoßenen, des Verfolgten, des Einsamen und des Zurückgewiesenen. In ihm kann er Trost in seiner Eigentümlichkeit finden und vermag diese vielleicht sogar zu seinem Vorteil zu verwandeln. Die verwundete Seele beginnt zu heilen und langsam aber sicher wachsen in dem Kind Selbstachtung und Weisheit [Einsicht] . Denken Sie nur an den großen Michelangelo, der verachtet und verspottet wurde und doch großen Trost in seiner Kunst fand und dadurch die Welt veränderte und zu einem der am meisten bewunderten Menschen wurde, die je gelebt haben. Was wäre gewesen, hätte man den gesamten Kunstunterricht gestrichen und der arme Michelangelo hätte kein kreatives Ventil gehabt? Hätte er sich möglicherweise  mit Haß und Bitterkeit in sich zurückgezogen und seiner Gesellschaft Schaden zugefügt? Es wäre möglich.

Die Geschichte ist voll von Ausgestoßenen und Zurückgewiesenen, die ihren Seelenfrieden im künstlerischen Ausdruck gefunden haben und ihr Leben zum Wohle der Gesellschaft umwandelten.  Das Gesicht der Welt könnte heute so anders aussehen, wenn man Adolf Hitler nur in diese Kunstschule in Wien aufgenommen hätte.

Ich erinnere mich daran, als meine Mutter und mein Stiefvater sich scheiden ließen und die Welt meiner Familie auf den Kopf gestellt wurde und ich zur Schule ging, mit so vielen beunruhigenden Gedanken in meinem Kopf- die Sorge, die Ungewißheit der Zukunft. Was für eine große Erleichterung war es doch, morgens in den Chorsaal gehen zu können und mir zusammen mit fünfundsiebzig anderen Schülern die Seele aus dem Leib zu singen. Bach, Schubert, Mozart, Brahms, Händel, Vivaldi ( einige von ihnen Außenseiter der Gesellschaft) streckten mir alle die Hände entgegen, über die Jahrhunderte hinweg, um mich zu liebkosen und  meinen Schmerz zu lindern. Wenn ich Proben für das Schultheater hatte, streckten William Shakespeare oder Eugene O’Neill oder Luis Valdez ihre Hände nach mir aus, um meinen Schmerz zu lindern- solch eine heilende Kraft hat die Kunst.

Ich erinnere mich daran , daß mein Bruder Louie, der einer der besten Musiker ist, die ich je gesehen oder mit denen ich gearbeitet habe- offensichtlich dem gleichen Schmerz ausgesetzt wie ich- in Schägereien verwickelt und von der Schule verwiesen wurde; möglicherweise auf dem besten Wege einer der besten Kriminellen zu werden, die ich je gesehen oder mit denen ich zusammengearbeitet hatte. Statt dessen fand er zu sich selbst, durch die Musik und konnte seitdem die Welt bereisen und fährt damit fort, das Leben der Menschen durch sein Spiel und seine Lieder zu berühren. Künstlerischer Ausdruck hat so viel dazu beigetragen unsere Zerstörungswut in Kreativität zu verwandeln und  in uns ein Verantwortungsgefühl gegenüber unserer Gemeinschaft zu entwickeln.

Die Kürzung von Kunstunterricht in den Schulen und in unseren Gemeinden ist nur ein Beispiel der gleichgültigen, unsensiblen Einstellung, die sich in unserer Gesellschaft breit gemacht hat. Die „National Rifle Association“ ist eine mächtigere Organisation als „MALDEEF“, „NAACP“, die „National Endowment for the Arts“ . Und diese machtvolle Organistation ist mehr daran interessiert Lehrer mit Waffen gegen Schüler auszustatten, als die Herzen und den Verstand der Kinder zu hegen und zu pflegen. Fünfzehn Menschen wurden in der Columbine High School getötet. Wie viele Menschen mehr wären getötet worden, wenn unschuldige Kinder in das Kreuzfeuer zwischen den mit Schußwaffen ausgestatteten Lehrern und zwei verrückten Schülern geraten wären?

Diese Schüler waren versessen darauf, zu töten und sie besaßen alle Arten von Waffen. Die „National Rifle Association“ hätte die Lehrer schon  mit Bazookas, Maschinengewehren und Handgranaten ausstatten müssen, um mit der Feuerkraft dieser zwei Schüler mithalten zu können. Unsere Kurzsichtigkeit, unsere Unsensibilität manifestiert sich selbst in diesem Ansatz, die Probleme unserer Gesellschaft zu kurieren. Wir müssen unsere Lehrer nicht mit Schußwaffen, sondern mit einer besseren Ausbildung und mit besseren Gehältern bewaffnen.

Die Art und Weise, wie wir die Lehrer in diesem Land behandeln, ist eine verdammte Schande, und sie haben doch so einen Einfluß auf unsere Kinder. Meiner Meinung nach ist zu unterrichten, der Edelmütigste aller Berufe.

Ich bin stolz darauf, hier unter Ihnen allen zu sein, die Sie sich offensichtlich um die Bereicherung des Lebens unserer Kinder durch die Kunst und der  Entwicklung von Selbstachtung  durch den Stolz auf ihrer kulturelle Identität kümmern. Doch es gibt noch so viel Arbeit, bis der entstandene Schaden behoben worden ist. Wir sollten, den großen Schaden, der entstanden ist, nicht unterschätzen und die Herausforderung, ihn ungeschehen zu machen, akzeptieren. Fordern wir unsere Politiker auf, das und [noch viel] mehr zu tun- die großen Unternehmen, das und mehr zu tun- die wohlhabenden und einflußreichen Bürger, das und mehr zu tun- und verlangen wir von allen Bürgern, das und mehr zu tun.
Nach allem, was ich heute gesehen habe, kann Long Beach jene leuchtende Stadt auf dem Hügel sein, die ihre gute Arbeit nicht verstecken kann, die führend ist bei der Wiederbelebung, Verjüngung und Heilung unserer Kinder und unserer Gemeinden.

Ich weiß, Gott wird uns segnen, in unserem Bemühen und ich möchte mich noch einmal dafür bedanken, daß Sie mir gestattet haben, bei dieser guten Tat mitzuwirken.


Vielen Dank
 

Wörter in eckigen Klammern sind nicht im Originaltext enthalten

Übersetzung:  Anja Schrage

 

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